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24.05.2010

Lesezeit: etwa 6 Minuten

Jagd auf deutsche Dichternamen – Vergangenheitsbewältigung in Neuenkirchen

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Neuenkirchen / NRW: Die Vergangenheitsbewältigung nimmt bekanntlich in Deutschland von Jahr zu Jahr lächerlichere Formen an. Je länger Drittes Reich und Zweiter Weltkrieg zurückliegen, desto mehr scheint sich in etablierten Parteien eine Art „Widerstand nach Ladenschluß“ herauszubilden, in dem vor allem jene Vertreter der Gnade der späten Geburt nachträglich ihren Widerstand gegen Hitler ableisten wollen.

In Ermangelung tatsächlicher Nationalsozialisten vergreift man sich dabei inzwischen auch an Vertretern deutschen Kulturerbes, wie dieser Tage beispielsweise an Agnes Miegel in Neuenkirchen (Kreis Steinfurt).
Agnes Miegel (1879-1964) gehört zu den letzten großen Vertretern einer Kunst, die es heute eigentlich gar nicht mehr wirklich gibt, nämlich die der deutschen Dichtkunst. So gehörte sie einstens zu den meistgelesenen Autorinnen des deutschen Sprachraums.

Weil sie, wie so viele führende Politiker der Bundesrepublik auch, während des Dritten Reiches loyal zu Staat und Regierung stand, ohne daß sie sich dabei irgendwelcher Verbrechen schuldig gemacht hätte, versucht man seit Jahren ihr Andenken zu schänden, ihre Werke in Vergessenheit geraten und ihren Namen aus dem Bild der Öffentlichkeit verschwinden zu lassen.

So entschied beispielsweise am 11. Mai der Kulturausschuß der Gemeinde Neuenkirchen, daß die dortige Agnes-Miegel-Straße im Ortsteil St. Arnold aufgrund der Nazi-Vergangenheit, die der Heimatdichterin anhaftet“ umbenannt werden soll. Das Vorhaben ist eine Reaktion auf die Agnes-Miegel-Andenkentilgung in anderen Orten. Die Straße war 1971 in Würdigung ihres literarischen Schaffens nach der Dichterin benannt worden.
So hieß es bereits am 24. Februar 2010 in der MÜNSTERSCHEN ZEITUNG:
„…Osnabrück hat die Agnes-Miegel-Realschule am 1. Februar ihren Namen abgestoßen. Fortan heißt sie „Bertha-von-Suttner-Realschule“. Agnes Miegel sei kein pädagogisches Vorbild, heißt es einstimmig im Osnabrücker Rat. Die Meinung wird gestützt vom Gutachten des Geschichtsprofessors Hans-Jürgen Döscher.

Auch in Düsseldorf ließ eine Realschule im vergangenen Jahr den Namen fallen. In Erlangen wird die Straße umgetauft und trägt jetzt den Namen einer jüdischen Familie. Und in St. Arnold? Da die Diskussion in Deutschland entbrannt ist, werden auch die Bewohner der Agnes-Miegel-Straße darüber nachdenken, ob man den Namen weiter als Heimatadresse führen möchte. …“

Damit war die Richtung vorgegeben und Bürgermeister Franz Möllering machte sich entsprechend in die Spur, um alles Notwendige zur Straßenumbenennung zu veranlassen.
Zunächst traf er sich im April mit den Bewohnern der Agnes-Miegel-Straße, um diese auf die Umbenennung vorzubereiten. Dabei machten die Bewohner der Straße keinen Hehl daraus, daß sie mehrheitlich den alten Straßennamen beizubehalten wünschten.
Einer der Anwohner ließ wissen: „Man muß auch trennen können zwischen eventuellen Verfehlungen und dem literarischen Gesamtwerk von Agnes Miegel.“
Darüber hinaus wies er daraufhin, daß eine Umbenennung sich auch negativ zu Lasten der Anwohner auswirken würde, denn: „Ein Anwohner hat ausgerechnet, dass die Unbenennung jeden Betroffenen zwischen 250 und 350 Euro kostet“, da unter anderem Ausweise, Grundbuch und Visitenkarten geändert werden müßten.

Im Mai stellte man dann fest, daß von 50 Anwohnern gerade mal acht, eine Umbenennung der Straße wünschten. Gleichzeitig wiesen 13 der Anwohner in einem Schreiben an den Kulturausschuß der Gemeinde noch daraufhin, daß sie seit 1939 ihre Briefe nicht mehr mit „Heil Hitler“, sondern “mit Gott ergebenem Gruß“ unterzeichnet habe und darüber hinaus 1949 „entnazifiziert“ worden wäre.

Keine Chance. Über die Reaktion der Neuenkirchener Berufs- und Gewohnheitsdemokraten hieß es in der Lokalpresse am 12. Mai:
„…Doch die Politiker im Fachausschuss ließen sich nicht beirren. “Sie hat eine politische Verherrlichung des Nazi-Regimes betrieben und unter der Nazi-Dikatur sehr gut gelebt”, sagte Ellen Pfennig (Grüne). Als Mensch mit einem demokratischen Bewusstsein müsse man sich von diesen Namen distanzieren und ihn nicht ehren, indem man eine Straße nach ihr benenne. …“

Die Reaktion des Bürgermeisters von Neuenkirchen, Franz Möllering auf die Argumentation der Anwohner, wonach Agnes Miegel eigentlich ein unpolitischer Mensch gewesen sei, der von den Nationalsozialisten benutzt worden wäre, beschrieb die MÜNSTERSCHE ZEITUNG so:
„…Das sah Bürgermeister Franz Möllering anders. Sie sei nicht naiv und leichtgläubig, sondern gebildet und privilegiert gewesen. “Zu Beginn des Kriegs war sie 60 Jahre alt und wusste, was sie tut.” Zudem sei von ihr nie ein Wort des Bedauerns gefallen. Möllering meinte: “Der Name auf einer Straße ist eine Ehre.”
Es sei nicht erbauend, zu argumentieren, dass alles so lange her sei. “Wir dürfen nicht vergessen, was passiert ist”, sagte Möllering. …“

Am 19. Mai ließ die Lokalpresse die Anwohner dann noch wissen:
„…Rechtlich haben die Anlieger kaum Chancen, gegen die Umbenennung vorzugehen. “Es gibt kein Recht auf einen Straßennamen”, sagte Klaus Beckmann von der Verwaltung. Daher könne man auch nicht dagegen klagen. “Normalerweise bräuchten wir nicht mal die Anlieger fragen, wenn wir den Namen ändern”, sagte Beckmann.“

Angesichts solcher Entscheidungen fragt man sich eigentlich, wieso man eigentlich überhaupt noch mit den Bürgern spricht, statt ohnehin feststehende Entscheidungen auch so durchzusetzen, da die Meinung der Anwohner ja ohnehin keine Rolle spielt.

Als Alternativnamenspatrone handelt man derzeit die Pazifistin Bertha von Suttner, den lokalen Heimatdichter Heinrich Wenker, den Schriftsteller Karl Evers, den Mundartdichter Anton Aulke, die Gebrüder Grimm, die jüdische Schriftstellerin Nelly Sachs und Carl von Ossietzky. Im Gespräch ist außerdem Marion Gräfin Dönhoff und Matthias Claudius. Als Favorit wird laut Auskunft der MÜNSTERSCHEN ZEITUNG Carl von Ossietzky gehandelt, eine geschichtliche Gestalt, die in der Tat für die gegenwärtige Bundesrepublik paßt und zwar wie die Faust aufs Auge.

Damit ist die Hexenjagd gegen unliebsame Straßennamen in Neuenkirchen freilich noch nicht vorbei. Im Gegenteil, das Vorgehen gegen Agnes Miegel ist offenbar nur der Startschuß für eine Kampagne, der in nächster Zeit auch noch andere Namen aus der jüngeren deutschen Literaturgeschichte zum Opfer fallen werden.
So hat man es im Neuenkirchener Gemeindeteil Wettringen bereits auf den Friedrich-Castelle-Weg abgesehen.
Hier ist der Denunziant der frühere FDP-Ratsherr und Politiklehrer Karl-Heinz Reinartz, der in einer E-Mail an die MÜNSTERSCHE ZEITUNG u. a. fragte, „wie man damit umgehen soll, dass unsere Heimatgemeinde Wettringen einen Nazi-Bonzen dadurch ehrt, dass sie ihn mit einem Straßennamen auf eine Stufe mit Goethe, Schiller und andere Kulturgrößen stellt.“

Anlaß für die MÜNSTERLÄNDISCHE VOLKSZEITUNG schon mal am 19. Mai sichtbar händereibend, die nächste Denunziationskampagne anzukündigen. Wie man uns von dort aus mitteilte sind neben Friedrich Castelle auch Namen wie Karl Wagenfeld, Hermann Stehr, Joseph Winkler, Gerhart Johann Robert Hauptmann und Augustin Wibbelt ins Visier der der lokalen Straßenumbenennungs-Mafia geraten.
Zu den Ersatznamenspatronen gehören u. a. ein niederländischer Widerständler wie Jan de Jong und die jüdische Kommunistin Anna Seghers, der Chefin des DDR-Schriftstellerverbandes, der kommunistischen Nachfolgeorganisation der früheren Reichtsschrifttumskammer.

Quelle: Altermedia

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