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03.03.2010

Weil du es fühlst

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Verlassen zeichnen die endlosen Betonschluchten unsere Heimat, die einst zu einer "blühenden Landschaft" werden sollte. Die tobenden Kinderstimmen in den Straßen und auf den Plätzen sind fast schon verklungen. Nur noch das alte Eingangstor des einstigen Kindergartens, das - vom Wucher der Pflanzen umhüllt - die Zeit eines sterbenden Volkes an sich vorbeiziehen sieht, gibt Auskunft von vergangenen Tagen, an denen noch Leben an diesem todgeweihten Ort herrschte.

Bestimmte noch vor Jahrzehnten ein arger Wohnungsmangel das Leben der Menschen, so ist es nun die Hoffnung, die verbliebenen Reste des alten Wohnviertels mögen dem Abriss wenigstens noch eine Weile trotzen. Viele sind weggezogen, um ihr persönliches Glück in weiter Ferne zu suchen. Andere mussten, längst im Sog von Sozialleistungen und Drohgebärden gefangen, folgen. Zerrissene Familien vervollständigen das propagierte Bild, demnach alles als Ballast zählt, was die erforderte Flexibilität einschränkt.

Zwischen all dem stehst du und lässt den Kopf hängen, ringend mit der Frage, ob das Offensichtliche tatsächlich nicht gesehen wird oder aber durch Ignoranz - wenigstens solange es noch geht - verdrängt werden soll. "Wir müssen uns auf den demografischen Wandel einstellen, altersgerechte Wohnungen und mehr Ausbildungsplätze für zukünftige Pfleger schaffen", hörst du Verantwortliche ideenreich reden, um anschließend triumphierend verkünden zu können, die Krise hätte im Vergleich kaum eine Auswirkung auf unsere Heimat gehabt, es dann aber verschweigen, dass zwischen all den brachliegenden Fabriken schon längst nichts mehr da war, was noch hätte zugrunde gehen können.

Wie lange dauert es wohl, bis man Reden dieser Art mit "Schwein" beantwortet? Was ist denn notwendig, um das alles nicht mehr ohnmächtig einfach nur zu akzeptieren? "Lass sie quatschen", hörst du andere sagen. "Warum zwingst du dich denn, da hinzuhören? Warum wehrst du dich denn gegen eine vielleicht sogar nützliche Anpassung? Weil du gern du selbst bleiben möchtest? Auch hier, in diesem ausgebluteten Land?"

Es geht nicht nur um die Verweigerung, das von den Demokraten vorgezeichnete Schicksal hinzunehmen oder gar mit zutragen, sondern auch um deinen Wert als Mensch, den du selbst zerstörst, wenn Du damit beginnst, wie all die anderen wegzusehen. Weil du fühlst, dass diese Anpassung einer Selbstaufgabe gleich kommt, die auf Dauer genau das beseitigt, was dich von den Verantwortlichen trennt.

Darum zwingt es dich, nicht wegzuhören, kein Wort zu vergessen, all das zu registrieren, was diese Herren vollführen. Darum zieht es dich des Nachts auf die Straßen, auch in dem Bewusstsein, dass der Kampf gegen die vorherrschenden Zustände vor allem ein Kampf gegen eben jene Gleichgültigkeit der Menschen ist. Darum prangt nun mahnend unser drohendes Schicksal hoch über der sterbenden Stadt, damit keiner mehr sagen kann, er habe das alles nicht gesehen.

Quelle: http://spreelichter.info



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